Ich will ernst genommen werden. Nicht mehr und nicht weniger.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr irgendein ekeliges Medikament, zum wiederholten Mal zu euch nehmen müsst und beim bloßen Anblick, die Speicheldrüsen schon loslegen und der Hals sich anfühlt, wie zu geschwollen? Wenn man das Gefühl hat, man kann diese „Sperre“ beim schlucken nicht überwinden?

So ging es mir jahrelang immer mit Schmerzmitteln. Ich wusste, sie müssen rein, weil sie helfen, aber der Körper hat „Nein“ gesagt.

Seit September quäle ich mich tagtäglich, diese scheiß Pillen zu schlucken. Mir künstliche Hormone zuzuführen, die meine Endometriose eindämmen sollen.

Zu Beginn war es lästig. Ich hab keinen Nerv immer an sowas zu denken, aber ein Wecker jeden Abend macht mich bei dem Gedanken schon aggressiv, weil ich Wecker hasse! Irgendwann ist es Gewöhnungssache geworden und obwohl ich diverse Male dachte, ich hätte sie vergessen, hab ich die Pille tatsächlich jeden Tag im Rahmen von +-4 Stunden genommen.

Seit einiger Zeit nun merke ich mehr und mehr, wie sehr es mir auf die Nerven geht. Wie sehr ich es hasse. Wie mein Körper immer mehr mit Ablehnung reagiert. So wie ich früher auf Schmerzmittel reagiert habe, reagiere ich nun auf die Pille.

Mir „schwillt der Hals zu“ und ich sabber wie n Bernhardiner.

Das viel schlimmere ist aber, dass ich mittlerweile immer öfter darüber nachdenke, sie einfach weg zu lassen. Sie einfach mal nicht zu nehmen. Einfach zu probieren, was dann passiert.

Und das ist scheiße. Ich lebe seit September mehr oder weniger schmerzfrei. Nennen wir es Schmerzfreier. Ich sterbe nicht mehr jeden Monat und da bin ich echt dankbar drum. Leichte Schmerzen hier und da sind aber geblieben. Bisher musste ich aber dafür keine Schmerzmittel nehmen, sondern kam ohne klar.

Außerdem gehöre ich zu den glücklichen, die nie wirklich krasse Nebenwirkungen hatten. Kleinigkeiten (siehe vergangene Posts), aber nichts großes und vor allem nichts dauerhaftes.

Aber was bringt mir das, wenn ich mich nun jeden Tag quäle und sogar gedanklich soweit bin, es drauf anzulegen wieder Schmerzen zu haben, nur weil ich diese scheiß Pillen nicht mehr jeden Tag schlucken mag?!

Überhaupt merke ich gerade wieder, wie müde mich die Endometriose macht. Mental.

Sage ich ihr an der einen Stelle den Kampf an, beginnt sie an anderer Stelle einen weiteren Krieg. Ich habe das Gefühl, dass ich nur noch von Baustelle zu Baustelle renne und gar nicht hinterher komme, mit alle dem, was anfällt. Hier eine Reparatur, da ein Neubau, dort eine Verlegung, und den Abriss bitte nicht vergessen.

Ich hab mittlerweile bestimmt 10 neue Dinge, seit meinem letzten Gyn-Termin im Januar, die eigentlich geklärt werden müssten… aber wisst ihr was? Ich hab nicht mal mehr Interesse gehabt, die letzten Befunde aus der Klinik, bei meiner Gyn vorbei zu bringen. Es ist mir einfach egal. Ich hab einfach keine Lust wieder da hin zu müssen.

Und so schiebe ich seit zwei Monaten, einen eigentlich notwendigen Arztbesuch vor mir her.. und wisst ihr noch was? Ich weiß, dass ich es auch weiterhin tun werde… solange bis ich irgendwann wieder vor Schmerzen und co zusammen breche.

Einfach weil mir die Kraft fehlt, weitere Kämpfe gegen die Endometriose anzuzetteln. Weil ich keine Nerven mehr dafür habe. Weil es ja egal ist was ich tue, denn es findet sich ja eh immer was neues.

Und gleichzeitig bei alle dem, kriege ich dann das schlechte Gewissen und fühle mich richtig scheiße, weil ich herum jammere über etwas, wo andere Betroffene viel für geben würden: Ohne Schmerzmittel leben zu können. Ohne Nebenwirkungen von Medikamenten.

Ich seh es ja hier tagtäglich, wie viele nichts finden, was ihnen wirklich mal hilft. Oder was sie für Nebenwirkungen in Kauf nehmen müssen. Und ich? Ich bin genervt davon, dass ich jeden Tag eine 2mm große Pille schlucken muss, die nach nichts schmeckt, keine Nebenwirkungen bei mir verursacht und mir meine Schmerzen nimmt.

Ich fühl mich schäbig und unfair. Nicht wertschätzend. Ein bisschen, als wäre ich ein Verräter.

Als wäre das nicht alles aber schon schlimm genug, ertrage ich mein soziales Umfeld auch kaum noch. Ständig muss ich mir anhören:

„Anderen geht es schlechter als dir.“

„So schlimm krank bist du doch gar nicht.“

„Die Pille und die Op‘s haben doch schon super geholfen. Dir geht’s doch gut.“

„Wofür stellst du denn einen Antrag auf Schwerbehinderung? Das ist doch Quatsch.“

„Ich versteh nicht wo dein Problem ist. Mehrfach die Woche zum Pferd und da den Stall machen, schaffst ja auch. Wieso dann nicht arbeiten?“

„Mach dir nicht so viele Gedanken um die Zukunft. Du weißt doch noch gar nicht was passieren wird.“

„Seh das mal nicht so negativ. Gibt genug Frauen, die Endometriose haben und dann schwanger geworden sind.“

Sehr beliebt dann im Gegenteil dann aber auch:

„Hey, das wird schon wieder.“

„Wir kriegen das schon hin.“

„Du wirst schon sehen: Das wird alles gut werden.“

„Du musst dir nicht so viele Sorgen machen. Das wird sich alles irgendwann finden.“

Sagt sich alles sehr leicht, wenn man nicht in meiner Position ist. Sagt sich alles sehr leicht, wenn man nicht von einer scheiße in die nächste rennt. Sagt sich alles leicht, wenn man selbst gesundheitlich fit ist.

Ich hab den Kontakt zu Freunden und Bekannten eingestellt. Zu einigen. Aus genau dem Grund. Ich ertrage diese bescheuerten, 9xKlugen Kommentare nicht mehr. Es geht mir auf den Sack.

Ich will ernst genommen werden. Wahrgenommen werden in alle dem, was bei mir die letzten 12 Monate katastrophal schief gelaufen ist. Ich will hören, dass ich jedes Recht habe zu jammern. Dass ich Recht habe, Angst zu haben, vor dem, wie es weitergehen wird. Dass ich fluchen darf, weil ich diese scheiß Pille eigentlich nicht nehmen will, aber es keine wirkliche Alternative gibt.

Ich will äußern dürfen, wie sehr mich das Thema „Kinder kriegen“ belastet. Wie oft ich mittlerweile deswegen geweint habe, weil mich diese Ungewissheit in den Wahnsinn treibt. Weil mir damit etwas „genommen wurde“ von dem ich jahrelang nicht mal wusste, ob ich es wollte.

Ich weiß es mittlerweile… ich weiß mittlerweile, dass ich gerne mal Kinder hätte. Und ich weiß mittlerweile, dass ich mich sehr über einen eigenen, leiblichen Zwerg freuen würde.

Die wenigsten können sich vorstellen, wie oft ich in den letzten Monaten deswegen geweint habe. Ja, ich weiß, dass es am Ende vielleicht alles ganz problemlos klappen könnte. Die Chance ist da… aber ich weiß halt eben auch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht problemlos klappt, wesentlich größer ist.

Ich möchte in dieser Angst und diesem Schmerz, und auch irgendwie in diesem Stück Verlust, wahr und ernst genommen werden. Keine blöden Kommentare hören, a la: „Ach, das wird schon werden. Mach dir mal keinen Kopf.“ Und auch kein: „Hey, wir kriegen das schon hin.“

Solange sich daran nichts ändert, suche ich keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen. Und es gibt sie. Es gibt die Menschen, die sagen: „Ey, dass ist einfach alles große scheiße. Punkt.“ Aber sie sind die Ausnahme…

Eigentlich war ich vorhin nur frustriert, darüber, dass ich die Pille nehmen muss, obwohl ich es nicht will. Weil es keine Heilungsmöglichkeit für Endometriose gibt.

Und jetzt? Jetzt sitze ich einmal mehr mit verheulten Augen in meinem Bett und frage mich, wieso ich das eigentlich alles noch weiter ertrage…

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

26. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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