Eine Mail, die lieber ein Blog-Eintrag werden wollte…

Das heute wird ein besonderer Blog-Eintrag. Nicht für euch. Für mich.
Ich saß über eine Stunde an einer Mail, die einfach immer blöd klang und irgendwie nicht flüssig geschrieben werden wollte. Dabei lag sie mir so am Herzen, dass ich sie unbedingt fertig bekommen wollte. Seit letztem Jahr August wollte ich sie eigentlich schreiben, aber dass da ein paar Dinge dazwischen gekommen sind, brauch ich euch ja nicht erzählen. Und DIR eigentlich auch nicht, hast Du ja doch auch ein bisschen was mitbekommen, bzw mittlerweile bei Instagram lesen können. 😉
Siehe dies also bitte als die Mail an, die dich längst hätte erreichen sollen, bei der ich aber nie so richtig wusste, wie ich sie verfassen soll… und da mir lange Texte in Blog-Einträgen, die nicht persönlich adressiert sind, immer schon besser als jede Mail verfassen konnte, ist das also die längst überflüssige Mail an dich.
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2013 kam ich ganz unverhofft zur Arbeit im Zirkus. Ich könnte an dieser Stelle die spannendsten Geschichten erzählen, die Wahrheit ist aber wie folgt. Meine beste Freundin sagte: „Frag X doch mal nach einem Praktikum in den beiden Projekten, wo ich auch bin.“ Ich hab X daraufhin eine Mail geschickt, nach einem Praktikum gefragt und zack: In der ersten Praktikumswoche kam schon die Frage, ob ich nicht ein paar Wochen später, bezahlt mitarbeiten möchte. So kam ich damals an meinen Job im Zirkus. Ich weiß: Reichlich unspektakulär, wenn Leute sich vorstellen, wie Menschen zum Zirkus kommen, aber so war es nun mal. Seither habe ich als Zirkuspädagogin diverse Projekte an Schulen, Kitas und co gemacht. Unzählige Fortbildungen gegeben, Zirkuszelte auf und abgebaut und vor allem: Ich durfte über mich hinauswachsen.

Der Job beim Zirkus ist in meinen Augen nicht irgendein Job, den man halt so macht, sondern ein ganz besonderer. Nicht, weil er so außergewöhnlich ist, wie viele Leute sagen, sondern weil man sich selbst auf eine Art und Weise entdecken und ausprobieren darf, die man in anderen Jobs so wohl nicht hat. Beim Zirkus findet jeder seinen Platz. Als Trapez-Artist, als Jongleur, an der Technik oder als Kartenabreißer. Jeder kann dort etwas finden, was er gut kann und woran er Spaß hat. So habe ich es immer mit unseren Kunden gehalten. Wer nicht gut im jonglieren war, der hatte vielleicht an Akrobatik Spaß. Und das Kind, das jedes „Zirkus-Genre“ verweigert hat, hatte vielleicht total Bock an der Lichttechnik, die richtigen Knöpfe, zur richtigen Zeit zu bedienen. Jeder konnte seinen Platz finden.

Aber das, was für die Kunden galt, das galt auch für mich. Ich durfte mich von Anfang an ausprobieren, wo ich am besten hinpasse. Wo liegen meine Stärken, wo meine Schwächen und wie kann ich die Schwächen am besten ausgleichen? Wo sehe ich selbst? Als Verantwortliche; als jemand, der „nur“ zuarbeitet; oder vielleicht doch ganz wo anders?

Im Laufe der Zeit durfte ich von Co-, zur Campleitung werden. Ich bekam alle Zeit der Welt um in die Rolle zu wachsen und kann euch sagen: Ich hab es geliebt und liebe es irgendwie auch immer noch.
Ja, es ist Stress pur, aber irgendwie wurde es immer belohnt. Von den Kindern, von Eltern, oder glücklichen Lehrern. Und manchmal auch von zufriedenen Kollegen oder der Chef-Etage.

Dass ich dabei den einen oder anderen Fehler gemacht habe, brauche ich wohl nicht erwähnen, weil jeder Fehler macht. Doch wurden die meist nach kurzer Zeit wieder verziehen und man durfte aus seinen Fehlern lernen und noch stärker werden.



Es gab eine lange Zeit, in der ich immer gesagt habe, dass es zwei Maries gibt. Sobald ich mein Zirkuszelt betreten habe, habe ich die „private Marie“ draußen gelassen und bin zur „Zirkus-Marie“ geworden. Die, die selbstbewusst in der Manege vor 200 Kindern und Lehrern moderieren konnte. Die, die sich jedem aufkommenden Problem gestellt hat. Die, die volle Verantwortung für alle hatte. Die, die 40 Männern erklärt hat, wie man ein Zirkuszelt auf- und abbaut. Die, die alles das konnte, was sie privat nie auf die Kette bekommen hat.

Zur exakt selben Zeit saß ich heulend zuhause und wusste nicht, ob ich jemals wirklich glücklich werden würde. Ich konnte nicht einkaufen gehen, weil es mir Panikattacken brachte. Ich saß zitternd und mit Tränen da, wenn ich irgendwo anrufen sollte. Und erst Recht konnte ich nicht mit Kritik umgehen. Ich habe sie immer als persönlichen Angriff gewertet.

Es waren zwei Maries, die unterschiedlicher manchmal nicht sein konnten.



Meine Psyche war nie wirklich Thema, wenn es Gespräche mit „der Chef-Etage“ gab. Was intern geredet wurde, will ich gar nicht wissen, aber mir ist schon klar, dass es Thema gewesen sein muss.
Ich selbst habe aber versucht nie drüber zu sprechen. Ich wollte berufliches nicht zu viel mit privatem mischen. Also besonders nicht bei meiner Psyche. Ich wollte nicht wieder als die schwache, Kaputte abgetan werden, die zu nichts zu gebrauchen ist, sondern das Bild wahren, dass ich „normal“ arbeiten kann.

So werde ich zwei Dinge auch vermutlich nie vergessen.

2014, kurz nach meinem Kriseninterventionsaufenthalt in der Psychiatrie, wegen suizidalen Gedanken, habe ich X damals eine Mail geschrieben und diverse Aufträge abgesagt.
„Vielleicht werde ich es dir irgendwann mal erklären können“.
Heute ist wohl irgendwann.

Wenige Monate später unternahm ich Suizidversuch 1 und weitere Monate später Suizidversuch 2.

Das zweite, was ich nie vergessen werde, war, wie ich einen oder zwei Tage nach Suizidversuch 2, schon wieder bei der Arbeit stand und getan habe, als wäre nie etwas gewesen. Es war eines der schönsten Projekte, die ich je hatte. Vier Jahre später durfte ich mit X, für ein letztes gemeinsames Projekt dahin zurück kehren. Und auch, wenn die Woche diesmal suboptimal für mich lief, weil ich komplett meine Stimme verloren habe, kann ich sagen: Ich bin dankbar, dass unser gemeinsames letztes Projekt, genau dieses war. Das, was für mich so wichtig und emotional war.



Ich frage mich auch heute, 8 Jahre später immer noch, was eigentlich gewesen wäre, wenn Du damals nicht gesagt hättest, dass ich für euch arbeiten kann. Vermutlich wäre ich beim Arbeitsamt als „schwer bis nicht vermittelbar“ gelistet und wäre genauso unglücklich wie damals.

Du hast mir damals eine Chance gegeben, die mir vorher niemand bereit war zu geben. Ich passte ja nie ins System. Für mich gab es ja nie einen Platz, wo ich hingehört habe. Dank dir, durfte ich mich ausprobieren, Fehler machen, hinfallen, aufstehen und dann über mich hinauswachsen.

Auch, wenn ich weiterhin dabei bleibe, dass ich niemals wieder als deine Campleitung arbeiten will und dich als Co dabei haben möchte, war es immer ein gutes Gefühl zu wissen, da ist jemand in der „Chef-Etage“, der offen für alles und jeden ist, nicht verurteilt und genügend Chancen gibt um über sich hinauswachsen zu können. Und vor allem: Bei dem ich wusste, ich hätte alles erzählen können, ohne schief angeschaut zu werden. Ohne, dass ich mich verurteilt fühlen hätte müssen. Mein Deutsch ist heute wieder on-Point. Man siehe es mir nach. Es ist 22 Uhr und ich habe drei Hardcore-Arbeitstage hinter mir.



Wie ich am Anfang schrieb: Ich habe genau das alles versucht als Mail an dich zu verfassen, aber die Worte wollte nicht so richtig zusammen finden. Ist halt was anderes, wenn man etwas persönlich adressiert, oder anonymisiert im Blog postet. Am Ende wollte ich vermutlich nur folgendes mit alle dem sagen:

Danke, dass Du Teil meines persönlichen Werdegangs geworden bist, indem Du mir die Chancen gegeben hast, die ich braucht um wachsen und heute sagen zu können:
Die Zirkus-Marie und die Private-Marie sind fusioniert. Ich konnte durch meinen Job und die Entwicklung dort, ganz viel ins mein Privatleben mitnehmen und kriege heute nicht mehr bei allem eine Panikattacke, Heulkrämpfe oder andere emotionale Ausbrüche.

Ich durfte mich finden, meine Stärken und vor allem meinen Sinn im Leben.

Danke für alles!

Auf das wir uns irgendwann wiedersehen, auch wenn sich die Wege für’s erste getrennt haben…

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

26. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Bedingt durch das Jahr 2020 geht es vor allem um Corona, meine Endometriose-Diagnose und alles, was sonst so passiert ist. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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