Chronisch krank sein, ist wie Seiltanzen


Vergangene Woche war eine sehr absurde Woche. Die Theorie besagt, dass ich eine normale Arbeitswoche hatte. Die Praxis hat mich extrem verwirrt und in komische Gedankenspiele gebracht.

Montagsmorgen, 7.45Uhr. Ich schleppe mich mit Unterleibsschmerzen und extremer Müdigkeit in die Halle, wo wir eine Woche lang mit fast 100 Kindern Zirkus machen. Die erste Frage eines Kollegen und Freundes: „Wie geht’s dir?
Meine ehrliche Antwort: „Mal schauen, wie der Tag läuft. Vielleicht muss ich im Büro anrufen und Ersatz ordern.“

Zeitsprung zum Montag, eine Woche später, also genau genommen heute. Ich schüttel beim schreiben mit dem Kopf, weil ich es immer noch nicht glauben kann, wie sich diese Aussage so krass ändern konnte.

So sitze ich die meiste Zeit neben den Kindern auf dem Boden der Turnhalle und lasse sie viel selbst machen und spielen, weil ich kaum stehen kann. Nicht nur auf Grund der Unterleibschmerzen, sondern viel mehr, weil mein ganzer Körper sich anfühlt, als wäre ihm jegliche Energie entzogen worden. Irgendwie schleppe ich mich durch 8 Stunden Arbeit, eine Stunde Nachbesprechung und belanglosem Plausch und schlussendlich einer Stunde Autofahrt nach Hause.
Ich fühle mich, als könnte ich niemals eine ganze Woche aushalten.

Dienstag. Bei der Autofahrt zum Projekt das altbekannte Problem: Seit meinen OPs kann ich nicht mehr Auto fahren, ohne nicht nach 10-15 Minuten Schmerzen zu haben. Diese Sitzposition ist für mich einfach nicht machbar. Hinzu die Bauchmuskulatur, die durch ständige Anspannung der Beine, die man ja nun mal zum Gas geben, kuppeln und auch bremsen braucht, komplett überreizt ist. Ich hab früher nie meine Bauchmuskeln beim Auto fahren gemerkt. Heute merke ich sie ständig.

Ich komme vor Ort an und brauche eine Zeit um in Schwung zu kommen. Kein Wunder bei den Uhrzeiten. Die Schmerzen der Fahrt lassen Stück für Stück nach. Meine Energie ist auf jeden Fall mehr vorhanden als am vorherigen Tag, lässt aber immer noch zu wünschen übrig.

Irgendwann, mitten am Tage, erstaune ich vor mir selbst. Ich hüpfe und renne durch die Halle und bin super gelaunt. Nach einem kurzen Späßchen mit Kollegen, bin ich über mich selbst irritiert. Ich fühle mich… zu gut?

Mittlerweile ist klar: Ich habe tatsächlich meine Tage bekommen. Es sind nicht mehr nur Schmierblutungen, wie sie bei so Hormonimplantaten und co schon mal auftreten, sondern es ist eine richtige Periode. Warum diese Info so wichtig ist?

Weil ich mich zu gut dafür fühle.

14 Jahre lang bin ich jeden Monat für zwei bis drei Tage außer Gefecht gewesen. Ohne Schmerzmittel ging dann gar nichts. Wenn ich arbeiten musste, wurde so viel konsumiert, dass ich teilweise Kreislaufzusammenbrüche hatte, weil mein Körper vollkommen überfordert war. War ich zuhause, lag ich regelrecht sterbend im Bett. Wenn ich meine Tage hatte, wollte ich lieber sterben als die Schmerzen zu ertragen. Es mag für einige drastisch klingen, aber so fühlte es sich nun mal an.

Nun stehe ich da, an Tag zwei meiner Periode und frage mich, wie absurd meine Welt sich verändert hat. Zwei Tage vorher, als ich noch Schmierblutungen hatte, dachte ich, dass die Welt wieder untergeht. Dass alles von vorne beginnt und ich jetzt wieder die gleichen Schmerzen erleide, wie all die Jahre zuvor. Nun aber geht es mir so gut, wie lange nicht mehr.

Vorsichtig äußere ich irgendwann: „Ich glaube, so gut ging es mir die letzten 1 ½ Jahre nicht mehr.“ Ich traue es mich aber kaum auszusprechen aus Angst, dass es am nächsten Tag wieder umso schlimmer ist. Auch in unserer Nachbesprechung, wie der Tag lief, sage ich vorsichtig: „Ich merke, dass es mir heute gut geht. Ich konnte zu viel Quatsch machen.“

Da wusste ich noch nicht, dass mich mein „mir geht’s zu gut“, tatsächlich noch in eine kurze Krise stürzen würde.

Wir spulen die kommenden Tage vor und fassen sie kurz zusammen: Es geht mir von Dienstag bis Freitag Abend so gut, wie vermutlich in den letzten 14 Jahren nicht mehr. Obwohl ich mitten in meiner Periode feststecke, fühle ich mich voller Energie und einfach nur gut. Dieses Gefühl kannte ich bis dato nicht. Hab ich nie erleben dürfen. Tagtäglich stemme ich nicht nur die normalen Arbeitsbedingungen, sondern schaffe es auch noch, Quatsch mit den Kollegen zu machen. Zwischendurch springe ich irgendwo hoch oder runter, sprinte durch die Halle oder renne vor Kindern und Kollegen weg. Gleichzeitig traue ich mich kaum, dies laut auszusprechen. Selbsterfüllende Prophezeiung oder wie nennt sich das gleich?

Dann Freitagabend der k.o.-Schlag. Wir sitzen zur Nachbesprechung auf unbequemen Holzstühlen. Als ich nach ca. 30 Minuten aufstehe, denke ich, mich trifft der Schlag. Ich versuche die Schmerzen zu ignorieren und trotzdem aufzuräumen. Von Minute zu Minute fühle ich aber, wie mein Körper immer mehr schlapp macht und kurz vor dem umkippen ist. Irgendwann gebe ich auf und lege mich auf eine der Turnmatten, ziehe mir die Kapuze ins Gesicht und hoffe, dass dieser Zustand schnell vergeht. Um mich herum wird aufgeräumt, Geräte verschoben und und und… und ich, ich liege nutzlos am Boden.
Kriege mit, wie der Rest weiterhin eine gute Zeit hat. Mir ist zu heulen zu mute. Denn wie ich da so am Boden liege, kommen die Unterleibschmerzen. Ich habe nun Rückenschmerzen; einen  Unterleib der moppert; ein Kreislauf, der nicht will; das Gefühl von kompletter Energielosigkeit und schlussendlich gehe ich mir selbst auf den Keks.

Irgendwann folgt die Übersprungshandlung. Ich ertrage mich selbst nicht, wie sollen mich andere ertragen. Weg. Einfach weg von hier. Hauptsache mit keinem mehr reden müssen. Wie soll ich anderen erklären, was los ist? Und vor allem will ich nicht deren Stimmung ruinieren, weil ich wie so ein Nervenbündel daneben hocke und auf mein Leben nicht mehr klar komme.
Ich springe von der Matte auf, schnappe mir meine Sachen, gehe kurz zur Küche, rufe irgendwas wie: „Ich bin weg. Bis morgen“ und verschwinde ohne jedes Abwarten und Zögern.

Im selben Moment kommt die Angst, dass mich alle nun für vollkommen bescheuert halten. Was hat die denn jetzt plötzlich? Wie kann man denn solche Umsprünge haben? Erst super drauf und für jeden Spaß zu haben und dann haut man Hals über Kopf ab? Ich habe sogar in der 1 ½ Stunden langen Teamershow, den Sketch „Palim, Palim“ gespielt, obwohl ich es hasse auf der Bühne zu stehen. Wäre es nicht das Projekt, mit dieser Besetzung, diesem gesundheitlichen Zustand und diesem „Spielpartner“ gewesen, hätte ich mich vermutlich auch vehement geweigert, sowas mitzumachen.

Im Auto angekommen, tippe ich eine WhatApp-Nachricht an besagten Freund/Kollegen.
„Hatte gerade einen ziemlichen Schmerz-Crash, deswegen bin ich jetzt auch so schnell weg. Hatte keine Lust euch da jetzt noch mit auf den Keks zu gehen. 😉“

Im nächsten Moment stehen mir die Tränen in den Augen. Ich möchte nur noch heulen. Die Welt verfluchen. Wieso musste das jetzt wieder sein? Wieso werde ich erst mit vier so guten Tagen verwöhnt, um dann wieder so einen Absturz hinzulegen?
Das schlimme daran: Ich merke, wie ich mich wieder in etwas hineingesteigert habe. Früher wäre ich über solche körperlichen Ausfälle hinweg gegangen, hätte mich zusammen gerissen und einfach weitergemacht. Von sowas hätte ich mich nie unterkriegen lassen.
Jetzt halte ich nicht mal die minimalsten Schmerzen aus, ohne nicht zu jammern.

Und dann hauen natürlich Karl-Heinz, Erna und Gustuv noch mit zu. Wer, fragt ihr euch? Meine blöden psychischen Erkrankungen, die meinen sich imemr überall einmischen zu müssen, obwohl es sie nichts angeht. Diese WhatsApp-Nachricht wäre auch einfach auch nur als harmlose, kurze Mitteilung anzusehen gewesen, dass ich halt eben aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter bleiben konnte und meine Ruhe brauchte. Aber nein… Mein Kopf musste ein Drama daraus machen.

Du nervst doch alle nur mit deinem Zustand. Die müssen eh schon ständig hören: „Ich kann dies nicht und das nicht und das sollte ich nicht…“ Dann hüpfst du plötzlich wieder voller Power herum und im nächsten Moment geht die Welt doch wieder unter? Und überhaupt…

Mein Kopf schrie nur noch: „Marie. Du bist die größte Mimose auf dem Planeten, die aus allem immer Dramen machen muss und nicht einmal funktionieren kann.“

Die gesamte Woche lief auf den Autofahrten, das neue Coldplay-Album im Dauerschleife, weil ich es so sehr liebe. Nun, nach diesem Zusammenbruch, lief „Nightbirde – It’s Ok.“
Der Song, der seit mehreren Wochen immer dann läuft, wenn ich mich selbst daran erinnern muss, dass es irgendwie Okay sein wird. Wenn meine dunklen Gedanken alle auf einmal auftauchen und mir einreden wollen, dass mein Leben nur scheiße und schlimm ist und niemals gut sein wird. Immer dann, wenn irgendwo diese ganz dezente, aber sehr verführerische Stimme hervor kommt, die mir sagt, dass es einen Weg gibt, nie wieder solche Szenarien erleben zu müssen.

Ich erschrecke in den letzten 2 Jahren immer öfter, wie präsent diese Dämonen wieder geworden sind, obwohl ich sage, dass es mir psychisch so gut geht, wie lange nicht. Ja, auch ich hab weiterhin Tiefpunkte und davon genug, aber wer kann mir die bei dem ganzen scheiß auch verübeln?
Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich trotz allen Tiefpunkten, meine psychischen Erkrankungen gut im Griff habe. Ich weiß sie zu händeln, in den richtigen Momenten zu ignorieren und in anderen, ernst zu nehmen. Und trotzdem erschrecken mich diese Momente, in denen mir mein Kopf sagt, es gäbe „den einen Weg“ wie alles besser wird, immer wieder extrem. Sterben will ich doch eigentlich gar nicht. Im Gegenteil. Eigentlich will ich doch immer beweisen, was für eine Kämpferin ich bin und das man mich nicht so leicht unterkriegt. Ich sag ja… Mein Körper verwirrt mich häufiger mit seinem Handeln.

So fahre ich nun also nach Hause, bekomme ein paar Minuten später noch eine Nachricht, ob man irgendwas für mich tun könnte und ich versuche nicht komplett durchzudrehen.
Irgendwann schmeiße ich eine Playlist an, die viele bedeutende Songs enthält und singe um mein Leben. Raus mit all diesen Gedanken und Emotionen. Ihnen Raum geben, aber eben nur so, dass sie mich nicht verletzen können.

Samstag. Körperliche geht es mir, als wäre überhaupt nichts gewesen. Nur meine Erinnerung weiß, dass halt eben was war, also fahre ich mit Angst ins Projekt. Angst vor komischen Blicken und Nachfragen. Aber nichts. Im Gegenteil. Direkt als erstes werde ich mit einem freudigen Lächeln begrüßt und schnell schaffen es alle, dass ich mich wieder wohl fühle in der Runde. Ich kann vergessen, was gestern war.

Shows, Abbau. Ich schmeiß die Küche. Tonnen von Geschirr müssen von Hand gespült werden. Währenddessen bauen die Kollegen, allen Zirkuskram ab und verladen ihn.
Zum Ende hin, helfe ich dann doch noch mit. Ich kann es einfach nicht sein lassen. Ich kann nicht zu gucken, wie alle sich abmühen und ich reiße die Hände in die Luft und stehe nur daneben.
Tja. Irgendwann stehe ich mit auf der Laderampe und hebe schwere Kisten hoch. Ein „böser Blick“ vom Kollegen und ein strenges „Nein“ halten mich da aber auch nicht mehr von ab. Ich will. Ich will machen und tun. Anfangs denke ich, ich müsste mich beweisen. Ich müsste irgendwem beweisen, dass ich nicht einfach nur keinen Bock habe, sondern sehr wohl will, nur nicht soll.

Und ganz langsam denke ich: Der einzigen, der du versuchst was zu beweisen, bist du selbst. Du kannst es nicht lassen, dir selbst zu beweisen, was du alles noch tolles kannst. Dass du doch die Starke bist und nicht das Schwache, kaputte Wesen, dass du seit 1 ½ Jahren zu sein scheinst.

Kurze Zeit später antworte ich auf eine Anmerkung der Kollegen: „Jetzt ist eh egal, ob ich mich kaputt mache. Ich kann morgen die Füße hochlegen, dann ist mir das egal. Ich kann mich nur nicht vor Projekten kaputt machen.“

Da war es. Der Moment, der so unfassbar wichtig für meinen „Heilungsprozess“ ist.
Ja, vor der Arbeit sollte ich mich wirklich nicht übernehmen, weil es uns allen nichts bringt, wenn ich mit Schmerzen ausfalle und in der Ecke liege. Ist absolut richtig. Und auch in den guten, unbeschwerten Momenten ist es richtig, trotzdem mal auf die Bremse zu treten und nicht direkt alles wieder auf einmal zu wollen.

Aber besonders wichtig: Ich muss die guten Momente und Tage nicht ruhig herumsitzen und mir alles verbieten. Ja, übernehmen soll ich mich nicht, aber ich darf gute Momente auskosten. Dinge tun, die ich tun will. Auch Dinge tun, die ich vielleicht hinterher mit Schmerzen quittiere, solange sie sich gut anfühlen. Ich darf schwere Kisten in den LKW laden, wenn es sich richtig und gut anfühlt und mir das Gefühl gibt, doch ich noch so kann, wie früher. Vielleicht nicht so viel und so lange, aber ich kann. Es braucht Zeit und den richtigen gesundheitlichen Moment, aber es geht. Ich bin nicht komplett und für immer kaputt.

Es ist ein bisschen wie beim Seiltanzen. Trittst du richtig auf das Seile, kannst du eine geile Show abliefern. Trittst du daneben, ist die Frage, wie gut du gelernt hast, dich abzufangen. Hast du über Jahre immer und immer wieder geübt, wie man richtig vom Seil abspringt, bevor man fällt, dann landest du auf beiden Füßen, kannst wieder auf’s Seil klettern und weiter machen, wo du aufgehört hast. Hast du dich aber nur auf das Seiltanzen konzentriert und nie geübt, herunterzufallen, wirst du stürzen und dich verletzen. Dann fängst du jedes Mal von vorne an. Du wirst nie weiter kommen, weil dich deine Stürze immer zurück werfen im Training.

Ich übe seit 1 ½ Jahren das Abspringen vom Seil, bevor ich stürze. Bisher bin ich nie durch die komplette Nummer durchgekommen und konnte noch nicht den Applaus genießen, weil ich ständig abgesprungen bin, wenn ich ins Straucheln kam und immer wieder hochklettern musste.

Diese Woche bin ich zum ersten Mal durch die gesamte Nummer durchgekommen. Ich habe den Applaus gespürt. Der kam nicht von außen, sondern von mir selbst. Ich habe mir selbst applaudiert, weil ich die Erkenntnis hatte: Ja, es kann lange, richtig scheiße laufen. Dann kann es eine Zeitlang richtig gut laufen. So gut, dass ich es kaum glauben kann. Und dann kann es ganz plötzlich auch wieder scheiße sein. Aber das heißt nicht, dass dann alles scheiße war. Ich darf diese vier Tage, in denen es mir gut geht, weiterhin feiern und mich darüber freuen, dass ich mir vier Tage keinen Kopf um meinen Körper machen musste. Und ich darf auch am Tag nach meinem Absturz, wieder hochklettern und weitermachen, wo ich vorher aufgehört habe. Damit, dass es mir gut ging und ich mein gesundheitliches Hoch genossen habe. Ich muss nicht sofort wieder Panik haben, dass es jetzt wieder alles Berg ab geht und ich wieder leide wie ein Schlosshund. Ich darf meine Hochphase einfach auskosten und machen, was ich will… und wenn das bedeutet, dass ich schwere Kisten schleppe, weil ich Bock drauf habe, mir zu beweisen, dass ich es noch kann.


Veröffentlicht von Kleinekaeferin

26. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Bedingt durch das Jahr 2020 geht es vor allem um Corona, meine Endometriose-Diagnose und alles, was sonst so passiert ist. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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