Deine, dich über alles liebende, Tochter Marie.

Vielleicht einer der persönlichsten Briefe aller Zeiten. Nachdem mein Bruder und meine Schwägerin auch schon mal emotionale Briefe von mir bekamen, ist dieses Jahr Weihnachten, mein Vater dran.

Ich hab ihn als Wichtel gezogen und war von Anfang an nicht 100% zufrieden mit seinen Geschenk. Und ganz plötzlich überkam mich der Wille, ihm einen Brief zu schreiben.

Ja, andere Leute hätten vermutlich harmloser ihre Liebe ausgedrückt, aber bei all der Liebe zu meinem Vater, will ich auch, dass er den Ernst erkennt. Das, was ich seit Jahren ohne meine Familien durchmache, weil ich mir die blöden Kommentare nicht mehr weiter antun wollte.

Ich liebe meinen Vater. Weil er immer da war, wenn es sonst keiner war. Und ich kann euch gar nicht sagen, wie viel Einsamkeit es nimmt, wenn der Vater einen stundenlang mit Skyjo, Phase10, Siedler und Ligretto bespaßt und dabei die tausend Ausschweifungen seiner Tochter erträgt…

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Wie fängt man als 27-Jährige eigenlich solch einen Brief an ?

Hey Vati?

Es ist mal Zeit, danke zu sagen.

Genauso gut wie du darin bist, Emotionen zu zeigen, bin ich gut darin, solche Dinge persönlich zu sagen… nämlich gar nicht.

Also gibt es einen langen, persönlichen und sehr emotionalen Brief für dich.

An dieser Stelle wissen wir aber wohl auch die unschönen Dinge aussprechen, die ich seit Jahren nicht mehr thematisieren

möchte, weil ich immer das Gefühl hatte, dass es in der Familie niemand verstehen will. Es fühlte sich immer an, als könnte ich 20.000 Beweise liefern und es kämen trotzdem noch Kommentare wie: „Ach so schlecht geht’s dir doch gar nicht.“

Ich hab irgendwann lieber geschwiegen, als mich von meiner Familie verurteilen zu lassen. Und ich diskutiere da nicht mehr: Auch, wenn Mama das angeblich nie so meint, kommt es aber immer genanso bei mir an.

In den letzten 11 Jahren bin ich mit Depressionen, Borderline, Angst- & Panikstörung, Essstörungen und

einer Post-thraumatischen Belastungsstörung diagnostiziert worden. Mehrfach.

Und bringen wir die traurige Wahrheit mal auf den Punkt: Ich kann dir gar nicht mehr aufzählen,wie oft ich mir das Leben nehmen wollte und es probiert habe.

In den ganzen Jahren sind Leute gekommen und gegangen, die meinten, sie kämen mit mir klar und wären immer für mich da, es dann aber doch nicht waren. Besonders in der Corona-Zeit, wo ich die meisten Leute gehen lassen

habe, war ich teils ohne eine/n einzige/n Freund/in oder Vertrauten.

Da saß, ich mit all der Scheiße, die passiert war, alleine zuhause und hatte niemanden zum Reden.

Das Einzige, das mir blieb, waren Du und X.

Ich liebe X, wie könnte ich bei dem Sonnenschein auch anders?

Gerade, nachdem mir nach den Ops eröffnet wurde, dass ich vielleicht niemals Kinder kriegen kann, war X wie ein

Geschenk von Himmel zur richtigen Zeit in mein Leben gekommen.

Aber viel wichtiger als X, warst Du. Besonders während dieser massiven Einsamkeit.

Ich weiß gar nicht wie oft, ich mich selbst zum spielen mit dir eingeladen habe und du jedes Mal dafür gesorgt hast, dass ich mich weniger einsam gefühlt habe… abgesehen von den paar Malen, wo der Fußball wichtiger war… aber das sei dir verziehen. 😉

Neben der Einsamkeit hast du mir meine zweitgrößte Sorge genommen und das immer und immer wieder : Geldsorgen.

Ich fühle mich nach wie vor schäbig, dass Du mein Leben finanziert hast und egal wie sehr ich aktuell merke, dass ich die nächste Op dringend brauche: Ich werde spätestens April wieder arbeiten gehen.

Ich möchte dir nicht erneut auf der Tasche liegen müssen.

Sallte ich je Geld gewinnen, bekommst du den größten Teil davon.

Alleine schon um mein Schlechtes Gewissen zu beruhigen, aber vor allem für all die Male, in all den Jahren, wo Du mir aus der Patsche geholfen hast.

Egal wie schäbig ich mich jedes Mal gefühlt habe, es war ein Grund weniger sich das Leben zu nehmen, weil ich wusste, dass ich auch im nächsten Monat ein Dach über dem Kopf haben würde.

Vermutlich werde ich dir die gesamte Summe nie zurück zahlen können, doch lass dir gesagt sein, dass Du deiner Tochter nicht nur einmal das Leben gerettet hast, in dem Du einfach da warst, ohne es immer wirklich verstehen zu können.

Bitte verzeih mir auch in Zukunft, wenn ich das Auto nicht in die Waschanlage bringe, weil meine Angst davor zu groß ist.

Verzeih mir, wenn ich Dinge ins Unendliche aufschiebe, weil meine Depression mich im Griff hat. Und verzeih mir bitte auch, wenn ich wieder mal bei einem deiner

Geburtstagsessen, einfach aufstehe und das Restauaut verlasse, weil meine Ptbs jede Nacht, mit Albträumen und Panik füllt und ich dann keine Nerven habe, mit meiner Essstörung im Schickimicki- Restaurant zu sitzen.

Ich möchte, dass Du weißt, dass ich dir immer dankbar war und immer sein werde, für alles, was Du wie selbst verständlich für mich tust.

Du bist der Grund, warum ich vor Jahren nicht den Kontakt zur Familie abgebrochen habe… ich hätte es nicht ertragen, dich nicht mehr regelmäßig zu sehen und zu sprechen.

Du bist und warst immer mein persönlicher Held. Für mich bist Du das beste Beispiel eines bedingungslos liebenden

Vater, der immer da ist, wenn man ihn braucht.

Danke, dass Du der beste Vater bist, den sich eine 27 – Jährige nur wünschen könnte.

Deine, dich über alles liebende, Tochter Marie.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

26. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Bedingt durch das Jahr 2020 geht es vor allem um Corona, meine Endometriose-Diagnose und alles, was sonst so passiert ist. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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