Wenn Kinderspiele, deine Ptbs triggern

Heute wird es mal wieder Zeit, Erfolge zu teilen. Erfolge auf dem langen Weg meiner Besserung/Heilung/Therapie. Nennt es, wie ihr es wollt. Nachdem ich dank Corona und allen drum und dran, doch wieder sehr zurück geschmissen wurde, was meine Psyche betrifft, kann ich langsam wieder Besserungen und Erfolge wahrnehmen. Für Außenstehende, kleine, nicht bemerkbare. Für mich riesige.

Mich hat‘s vorgestern kurzzeitig in eine beginnende Panik geschmissen. Der simple Grund: Es war letzter Trainingstag, die Kinder hatten Bock auf Spiele und so wurde „Mord in der Disko“ gespielt.

Für die, die es nicht kennen: Ein Detektiv wartet vor dem Raum. Der Rest stellt sich mit geschlossenen Augen hin und es wird vom Spielleiter ein Mörder angetippt. Dann geht‘s Licht aus, alle Tanzen durch den Raum und der Mörder malt jemandem ein X auf den Rücken. Dann schreit das Opfer kurz auf, Licht geht an, der Detektiv wird geholt und dann wird erraten wer der Täter ist, indem alle reihum befragt werden. Jeder denkt sich ein Alibi aus, das bei jeder Befragung gleich bleibt. Nur der Mörder wandelt sein Alibi bei jeder Befragung ab.

Simples Spiel, was man mit einer gewissen Altersklasse auch gut spielen kann.

Und dann gibt es mich. Marie. 27. U.a mit einer Ptbs diagnostiziert. Ich, die keine Dunkelheit mehr erträgt. Die keine Thriller und co gucken kann. Die in jedem Raum ein Nachtlicht 24/7 brennen hat, damit es nie dunkel wird. Die, die auch schon auf an der Tür hängende Klamotten eingeschlagen hat. Die in ihren Albträumen verfolgt, bedroht und ermordet wird und dann aufwacht und erneut die Todesangst fühlt, wie bei der Tat vor 3 Jahren.

Ich sitze in einer großen Turnhalle mit ca. 15 Kindern und insgesamt 4 Erwachsenen und krieg Panik, als das Licht ausgeht. Neben mir sitzt noch eine Freundin, der ich sofort meine Hand auf die Schulter lege und dort belasse, bis das Licht wieder angeht. Zu wissen, die Person neben mir ist noch da und geht nicht, ist in dem Moment irgendwie überlebenswichtig. Es gibt mir eine Sicherheit nicht alleine zu sein.

Als das Licht wieder angeht, entspanne ich zusehends. Die Runde läuft, der Mord wird geklärt und ich bin währenddessen zu dem Sitzkreis in die Hallenmitte gelaufen, weil ich das Spiel besser verfolgen können wollte.

Als schließlich eine neue Runde beginnt und es heißt, das Licht geht wieder aus, flitze ich schnell zurück zu der Turnbank, die an der Wand neben dem Notausgang steht. Mein Fluchtweg ist also potentiell nur 3m entfernt und außerdem kann mich von hinten niemand angreifen. Während ich im Dunklen sitze, schaffen die Augen es langsam das Restlicht von draußen wahrzunehmen, das durch die Oberlichter der Halle fällt. Außerdem höre ich Kinder laufen und weiß, dass sich welche in meine Nähe bewegt haben. Der Überraschungseffekt bleibt somit auch aus, als das Licht wieder angeht und 2m von mir entfernt ein Kind steht.

Wenige Runden später spiele ich mit. Am Anfang, als das Licht aus geht, stelle ich mich trotzdem wieder mit dem Rücken an die Hallenwand, direkt neben eine weitere Freundin. So weiß ich wieder, dass ich trotzdem noch ein Stück Sicherheit bei mir habe und mein Rücken weiterhin geschützt ist.

Seit der Tat ertrage ich es überhaupt nicht mehr mit dem Rücken zum offenen Raum zu stehen, wenn ich nicht wenigstens eine vertraute Person um mich herum habe. Ich brauche quasi Augen, die alles in meinem Rücken wahrnehmen können. Wenn das nicht gegeben ist, dreh ich mich ständig um und gucke, ob jemand hinter mir steht.

Die wiederum nächste Runde bin ich mittendrin dabei. Ich stehe zwischen den Kindern, in der großen, dunklen Turnhalle, während Musik aus der Box donnert und sich alle herum bewegen. Kurz drauf malt mir ein Kind, ein X auf den Rücken. Ich schreie kurz, lege mich auf den Boden und warte… nichts. Rumms. Das erste Kind fliegt über mich und scheppert voll gegen meine Nase. Also nochmal ein Schrei. Dann werde ich gefunden, das Licht geht an und schlussendlich wird der Mord an mir aufgeklärt. Meine Mörderin ist ein kleines, blondes, zierliches, junges Mädel. Eine von den Zwillingen, die es faustdick hinter den Ohren haben, aber auch zuckersüß sein können. Wenn doch alle meine Mörder immer so süß wären, wie die kleine. Dann wären meine Ptbs und die dazugehörigen Albträume besser auszuhalten.

Ganz zu Beginn, als das Licht zum ersten Mal ausging, wollte ich raus. Ich saß ja neben dem Ausgang und wollte einfach raus an die frische Luft. Ans Tageslicht. Raus aus der Dunkelheit. Panik war in meinem Brustkorb gefangen. Ich hab innerlich auf mich selbst eingeredet.

„Das sind alles nur Kinder, die tun dir nichts. Hier sind so viele Leute, da passiert nichts. Es hat sonst keiner Zutritt von außen. Man braucht einen Schlüssel, sonst kommt man nicht hinein. Du hast drei andere Erwachsene mit hier. Es ist nur ein Spiel. Die Kiddies haben Spaß. Entspannt dich.“

Wisst ihr, wie bescheuert man sich vorkommt, wenn um einen herum Kinder ein Spiel spielen und Spaß haben, während man selbst von dem Szenario in Panik versetzt wird? Man kommt sich bescheuert vor. Trotz der realen Angst, die in einem wütet.

Mir fällt es nach wie vor schwer, selbst zu sehen, dass meine Angst, eine Daseins-Berechtigung hat. Die menschliche Psyche macht die verrücktesten Dinge und dazu gehören nun mal auch Post-traumatische Belastungsstörungen. Wer ein traumatisches Erlebnis in seinem Leben hatte, reagiert zukünftig extremer auf Situationen als der, der noch nie in Todesangst leben musste. Man wird empfindlicher für jedes Geräusch, jede Bewegung, für alles. Denn hinter allem könnte ja potentielle wieder Lebensgefahr lauern. Der Körper ist einfach immer im Überlebensmodus, nachdem er seine persönliches Traumata erlebt hat.

Mir fällt es schwer, mir das einzugestehen, dass mein Körper auch durch diesen vermeintlichen „harmlosen Jungenstreich“ traumatisierte sein kann. Vermutlich auch, weil einem das Außenstehende so selten zu gestehen, dass ein „Dummer Jungenstreich“ wirklich so schlimm gewesen sein kann, dass man Todesangst verspürt hat.

Ich wünsche das niemandem, das mal wirklich erlebt zu haben, aber lasst euch eines gesagt sein: „Ich habe mich zu Tode erschrocken“, steht für mich seither in einem anderen Licht. Ich weiß auch, wie es ist, wenn man sich mal ordentlich erschreckt. Das Herzklopfen. Ich kenn das. Aber glaubt mir: Todesangst ist mit nichts vergleichbar. Wirkliche Todesangst kannst du nicht erklären. Die kann kein „normaler Mensch“ nachvollziehen. In dem Moment steht die Zeit still. Dein Körper friert ein. Sekunden später geht er in den Überlebensmodus. Adrenalin pur. Dabei fühlt sich dein Herz an, als würde es gleich über sich selbst stolpern oder einfach aus dem Brustkorb springen. Luft ist ein wertvolles Gut, das man kaum in sich hinein bekommt, weil sich jeder Atemzug anfühlt, als würde er die Lungen überhaupt nicht wirklich füllen. Jeder Muskel ist zu allem bereit und steht unter Hochspannung. Sinne wie das Hören und Sehen funktionieren so gut, wie wahrscheinlich sonst nie. Und bei alle dem, schließt du einerseits mit dem Leben ab und denkst, das war es nun. Andererseits glaubst du aber auch nicht, dass es das jetzt wirklich gewesen sein kann. Nicht so einfach. Nicht so. Nicht auf diese Art und Weise.

Ich stehe seit dem 15.07.2021 auf der Warteliste für einen Therapieplatz. Wenn es schlecht läuft, warte ich noch weitere 4-6 Monate. Doch eines steht für mich fest: auch wenn ich 2022 wieder Vollzeit arbeiten möchte, werde ich die Therapiestunden irgendwie in meinen Job integrieren. Und wenn ich das heißt, dass ich einmal die Woche, am anderen Ende Deutschlands, in irgendeinem Hotel oder einer Ferienwohnung hocke und meine Sitzungen via Videotelefonat wahrnehmen muss.

Ich möchte irgendwann unbeschwert mit Kindern Spiele spielen können, ohne gleich wieder in Angst und Panik zu verfallen. Doch für heute bin ich einfach kurz stolz auf mich. Stolz, dass ich nicht aus der Situation geflüchtet bin, sondern mich der Angst gestellt habe.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

26. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Bedingt durch das Jahr 2020 geht es vor allem um Corona, meine Endometriose-Diagnose und alles, was sonst so passiert ist. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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