Mein 28.Geburtstag… das gleiche Elend wie jedes Jahr.

Mein 28. Geburtstag. Wochenlang konnte ich ihn verdrängen, weil kein Hahn danach gekräht hat. Bis nun die Frage kam: Was machst du an deinem Geburtstag?

Klingt banal. Für mich ist es seither ein unwohles Gefühl, dass ich jeden Tag mit mir trage. Wenn ich könnte, würde ich gerne meinen eigenen Geburtstag vergessen und verschlafen.
Warum will man den besten Tag im Jahr vergessen und verschlafen, fragt ihr euch?

Weil ich seit zwei Jahren mit einer scheiß Erkrankung kämpfe. Weil ich seit über 15 Jahren mit meiner Psyche kämpfe. Weil ich seit zwei Jahren gegen Corona und seine wirtschaftlichen Folgen kämpfe. Weil ich, bei alle dem kombiniert, überhaupt nicht weiß, wofür ich ein weiteres Jahr leben soll.

Heute habe ich wegen meinem Geburtstag geweint. Wir saßen in der Runde vom „Body Blessing Journey“-Workshop von @endometrioseinderhose. Jeden Mittwoch fängt die Runde damit an, dass jeder einen Schwank aus seinem aktuellen Leben erzählt. Ich kam irgendwann auch auf meinen Geburtstag zu sprechen. Zu Beginn kamen nur die Tränen. Ich riss mich zusammen… um dann kurz drauf, doch noch los zu heulen.

Seit zwei Jahren stehe ich, gefühlt auf der gleichen Stelle. Ich komme nicht aus dem Corona-Tief (Finanzen, Sorgen um die Einschränkungen, …) und kämpfe, was die Endometriose betrifft, gegen Windmühlen. In der einen Woche denkt man sich, es läuft doch ganz gut und in der nächsten Woche macht man dann doch wieder einen Termin in der Klinik, weil nichts gut läuft, sondern großes Chaos herrscht. Was nun leider dazu kommt ist, dass ich nun mal schon lange psychisch krank bin. 2018/2019 war ich der Meinung, meine Borderline-Erkrankung gut hinter mir zu lassen. Mir war klar, dass sie nie mehr ganz verschwindet, aber es schien, als wäre sie nur noch minimal Teil meines Lebens. Seit dem es 2020 so rapide Berg ab ging, seitdem keimt die Erkrankung wieder voll auf.

Woran ich das merke? Daran, dass ich neulich zu meinen Eltern sagte: „Besser stürze ich mit dem Kinderstuhl die Kellertreppe hinunter und breche mir das Genick, als das Vati es tut. Den brauchen wir noch. Ich hab’s dann wenigstens hinter mir.“

Es ist irgendwie „beeindruckend“, wie schleichend und geheim solche Gedanken sich wieder in den Alltag einschleichen können. Sie waren Jahrelang nicht mehr so präsent. Über die letzten zwei Jahre sind sie wieder ein sehr fester Bestandteil meines Lebens geworden.

Ich gehe wieder, mehr oder weniger, Vollzeit arbeiten. Im Gegensatz zu früher gehe ich gefühlt gar nicht mehr arbeiten, zum leben reicht’s gerade so und wenn man meinen Körper fragt, ist es mehr als genug. Ich gehe auch arbeiten, weil ich weiß, dass ich ohne die Arbeit endgültig am Arsch wäre. Die Arbeit ist mein letztes, kleines bisschen Sinn im Leben, dass mir geblieben ist.

Geh ich noch arbeiten, weil mir meine Arbeit die Freude bringt, wie sie es früher getan hat? Nein. Definitiv nicht. Ja, mich holt die Nervosität zu jeder Show ein, doch die ist nicht wie früher, weil ich viele aufgeregt Kinderaugen sehe, sondern, weil ich Angst habe, es zu verbocken und negative Rückmeldungen zu bekommen. Wieso ich davor Angst habe? Weil das dann endgültig zeigen würde, wie scheiße es mir seit Monaten geht. Wenn man meine Arbeit anzweifeln kann (und das berechtigterweise, weil ich scheiße arbeite), dann ist das letzte bisschen Stolz, was ich noch habe, auch angefressen. Wer mich kennt und mal arbeiten erlebt hat, weiß, dass ich eigentlich früher immer einen Schritt mehr gemacht habe, als ich hätte tun müssen. Ich hab immer ein wenig mehr getan, als verlangt wurde. Weil ich meinen Job besonders gut machen wollte.

Ich bin aktuell krank. Diesmal meine ich nicht die Endometriose, sondern die 1A-Sommergrippe, die mich ereilt hat. Fühlt sich genauso an wie meine erste Corona-Infektion, die erst  8 Wochen her ist, aber die Tests bleiben diesmal negativ. Auch hier wieder die Referenz zu früher… in meinen 9 Jahren Selbstständigkeit war ich zweimal krank. Einmal spontan im Projekt, einmal früh genug um Ersatz zu finden. Seither war ich immer, auch krank, arbeiten. Ja, so Erkältungen über 9 Wochen verschleppen, ist nicht gesund und definitiv nicht empfehlenswert, aber so war es nun mal. Krank machen gab’s nicht.
Diesmal werde ich die anstehende Arbeitswoche nicht wahrnehmen. Zum einen liegt das natürlich daran, dass ich weiß, dass es Personaltechnisch machbar ist, zum anderen rutsche ich gerade aber von einer schlechten Woche in die nächste. Corona, chronische Erschöpfung, Depressionen, Durchfall (ja, wir reden hier auch darüber.. lasst euch gesagt sein: eine Woche gar keine Lebensmittel zu vertragen und trotzdem bei 32grad zu arbeiten, ist kein Vergnügen. Ich hab mich irgendwann überall angelehnt, wo man sich anlehnen konnte.) und nun die Grippe. Selbst, wenn die Grippe bis Ende der Woche weg sein sollte, hat mein Körper gerade keine Kraft mehr.

Neben dem, dass ich körperlich gerade auf dem Zahnfleisch gehe, ist auch privat viel los. Die Familie hat Feiern anstehen, demnächst geht’s auch noch in den Familienurlaub (wow… Vorfreude. Unendlich große Vorfreude. NICHT!) und parallel zu all dem Stress, hab ich einen dicken fetten Rohrbruch in meiner neuen Wohnung. Nebst dem, dass im Badezimmer 2×0,7m Wand aufgerissen sind und hoffentlich morgen endlich das Rohr getauscht wird, schimmelt mir die Wand im Schlafzimmer endgültig weg. Die Firma, die das Rohr tauscht, macht aber keinen Trockenbau. Folglich schimmelt die Wand noch so lange munter vor sich hin, bis endlich eine Firma gefunden wird, die sich dem Problem annimmt. Meine Wohnung gleicht einem Schlachtfeld. Im Schlafzimmer steht nur noch das Bett und der Kleiderschrank. Im Wohnzimmer dafür nun alle Instrumente, ein Wäscheständer (weil ich die an der Wand im Bad nicht nutzen kann) und es sieht aus, als würde ich anfangen die Wohnung zu verwahrlosen. Die Staubmäuse und Haarbüschel auf dem Boden, die dreckige Küche und all den Staub auf den Möbeln ignoriere ich seit Wochen. Wofür sauber machen? Lohnt sich doch nicht. Entweder bin ich kaum zuhause, oder die Handwerker machen eh alles dreckig.

Was mich zu meinem Geburtstag zurück führt. Meine freie Woche war alles, aber nicht frei. Morgens um 7 aufstehen, obwohl man bis 4h wach lag, nur weil die Handwerker kommen, ist nicht erholsam. Hinzu bin ich krank geworden, was daran erholsam sein soll, wäre mir ein Rätsel.

Nun überlege ich also, seitdem die Frage aufkam, was ich am Samstag machen soll. Es ist auch noch ausgerechnet ein Samstag. Ein Tag an dem Leute ihr freies Wochenende genießen und Zeit haben.
Und ich?

Ich hätte gerne an irgendeinem See gesessen, mit Kuchen und FritzKola und hätte gerne einen Haufen Menschen um mich herumgehabt, mit denen ich mich gut verstehe. So wird’s aber nicht kommen. Und warum nicht? Weil die letzten zwei Jahre so gut wie alle verbleibenden Freundschaften eingebüßt haben. Ich hatte ja nie viele Freunde (hier lassen wieder die Autistischen Züge grüßen), aber die wenigen die ich hatte, haben Corona und meine Endometriose auch noch gehen lassen.

Für die Leute, die sich selbst noch Freunde nennen würden: Tatsache ist, mit den meisten hatte ich keinen Kontakt mehr; habe den Kontakt beendet oder man hat sich erst wieder angenähert. Und gerade letzteres ist für mich aktuell ein super schwieriges Thema. Es sind Menschen, mit denen man mal sehr eng war, erst gegangen und dann wieder gekommen. Wie das Leben halt manchmal so läuft. Aber ich frage mich seither ständig, ob diese Leute überhaupt noch Freunde sind. Ich halte mich oft in meinen Äußerungen, Nachrichten oder meinem Verhalten zurück, weil ich nicht weiß, ob ich mich überhaupt noch als Freundin von jemandem betiteln kann… ganz ehrlich: mit dieser Ungewissheit lebt es sich gerade, als hätte ich keine Freunde mehr. Auch, wenn ihr das vielleicht anders wahrnehmt.
Aber mein verkorkstes Hirn kriegt das nicht hin, einzuordnen mit wem man befreundet ist, oder eben nicht mehr und man einfach nur eine Bekanntschaft führt.

So hätte ich mich niemals im Leben getraut auch nur eine einzige Person zu fragen, ob man zusammen meinen Geburtstag verbringen mag. Stattdessen gebe ich mir am Samstag eine sichere Konstante: Meine Familie. Sicher ist die nur, weil die seit eh und je, es für absolut nötig halten, dass man an Geburtstagen was mit der Familie macht. Das führte in der Vergangenheit zu tollen Erlebnissen wie suizidalen Gedanken am Geburtstag meines Vaters, nachdem ich während des Wartens auf das Essen, was wir im Restaurant bestellt haben, einfach wortlos gegangen bin, weil ich meine Familie nicht ertragen konnte.
Somit war klar, dass wenn ich die Familie frage, ob was man macht, dass die auf jeden Fall „Ja“ sagen.

Nun gehe ich Samstag mit meinen Eltern durch eine Stadt bummeln (O-Ton meinerseits: Ist mir egal wo.), danach fahren wir zu ihnen, mein Vater und ich spielen ein wenig was und dann kommen um 16Uhr mein Bruder, Neffe und meine Schwägerin zum Pizza essen. Auch das hätte ich nicht gebraucht. Pizza essen. Steh ich voll drauf. An meinem Geburtstag noch mehr. Ich soll mich auch noch drum kümmern, es bestellen und auch noch entscheiden, wo wir bestellen. Immerhin müssen wir nicht essen gehen, sondern essen zuhause.
Irgendwo dazwischen werde ich mich für das Geld bedanken, das mir meine Eltern schenken werden, weil ich keine Wünsche habe, bzw mir diese selbst im Laufe der letzten Wochen selbst erfüllt habe (ganz ehrlich: Bevor mir meine Eltern für 99€ eine Kühlbox schenken, kann ich die auch im Angebot bei Prime bestellen.) Meine Schwägerin wird sich vermutlich noch irgendwas dekoratives aus den Fingern gesogen haben, nachdem mein Bruder mich am Dienstag erst fragte, ob ich mir was wünsche.
Ich werde artig danke sagen und mir denken, dass ich die Geschenke nicht gebraucht hätte und lieber auf das Geld verzichtet hätte und mir dafür einfach einen netten Nachmittag gewünscht hätte.

Und so saß ich heute in der Runde, wollte von diesem Gedanken erzählen und bekam kaum was raus, weil ich sonst komplett zusammen gebrochen wäre.

Weil mir mein Geburtstag so deutlich vor Augen führt, dass ich seit Jahren eigentlich gar keinen wirklichen Sinn habe, warum ich noch ein Jahr länger leben muss. Weil mein Geburtstag mir so deutlich zeigt, dass ich fern von einem „normalen Leben“ lebe und obwohl das für mich eigentlich okay sein könnte, ich trotzdem den permanenten Druck der Gesellschaft verspüre, wie unnormal das ist und das man so gar nicht glücklich sein kann.

Und so sitze ich hier, drei Tage vor meinem Geburtstag und grübel. Darüber, ob ich nicht nächste Woche mal in der Psychotherapeutischen Praxis anrufen sollte, wo ich seit über einem Jahr auf der Liste stehe und fragen sollte, ob ich nun doch vorgezogen werden kann… oder ob sie glauben, dass eine stationäre Therapie in diesem Zuge doch sinnvoll sein könnte. So sitze ich hier also drei Tage vor meinem Geburtstag und überlege, den ausstehenden Vertrag für eine AG im Winter, doch abzusagen und stattdessen in die Psychiatrie einzuchecken. Finanziell erlauben kann ich mir das nicht… aber diese ewig anhaltende Frage, wofür ich eigentlich noch Lebe und diese anhaltende Sinnlosigkeit, sind kaum noch zu ertragen.. wäre da nicht ein Job, der mich zumindest jede zweite Woche genug ablenkt, dass ich mal für 6-8 Stunden nicht darüber nachdenke, weil ich schlichtweg keine Zeit zum depressiv sein habe.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

26. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Bedingt durch das Jahr 2020 geht es vor allem um Corona, meine Endometriose-Diagnose und alles, was sonst so passiert ist. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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